Nicht ich sage den Geschichten, sondern sie sagen mir, wie sie erzählt werden wollen
Nicole Walter-Lingen: "Warum sich für Gefühle schämen?"
13.10.2006 | 00:00 |  VON ISABELLA WALLNÖFER (Die Presse)

Nicole Walter-Lingen im Interview über Romantik, Kitsch und Tränen beim Fernsehen.

Die Presse:Sie stecken - wie mehreren Drehbuch-Autorinnen - hinter dem Pseudonym Lilly Schönauer, die für eine neue Romantik-Reihe im ORF steht. Was verbindet sie?


Nicole Walter-Lingen: Ich kann nur vermuten: keine Angst vor Emotionen. Sinn für Romantik. Freude am Geschichtenerzählen.

Die Presse: Schönauer wird vom ORF als Antwort auf Rosamunde Pilcher und Inga Lindström gesehen.

Nicole Walter-Lingen: Nur im Sinne der schönen Landschaften. Natürlich geht es auch um Liebe, aber eben nicht nur. In "Die Stimme des Herzens" geht es um Menschen, die in sich gefangen sind und sich und anderen ihr Glück verbauen. Es geht um Tradition, Anpassung und die Frage, was sind Familie und Heimat für mich. Das sind moderne, zeitgemäße Geschichten.

Die Presse: Wird da nicht ein überholtes Bild der Frau vermittelt?

Nicole Walter-Lingen: In "Stimme des Herzens" ist Kathy nicht unglücklich, weil sie keinen Mann und keine Kinder hat, sondern, weil ihr Vater sie nicht so akzeptiert, wie sie ist. Kathy ist eine moderne junge Frau, die ihren Weg sucht und erkennt, dass es nicht hilft, vor Schwierigkeiten davonzulaufen. Und obendrein findet sie den Mann, den sie liebt.

Die Presse: Warum ist Bedarf an TV-Romantik?

Nicole Walter-Lingen: Romantik hat etwas mit dem Wunsch zu tun, die Welt zu heilen, Gegensätze zu überbrücken und in Harmonie zu leben. Vielleicht ist es die Sehnsucht, etwas Heiles zu finden in einer Welt, die immer unüberschaubarer und gefährlicher wird, in der Familien zerbrechen und man nicht weiß, ob man morgen noch Arbeit hat.

Die Presse: Darf der Zuschauer auch weinen?

Nicole Walter-Lingen: Warum sollen sich Menschen für Gefühle schämen? Wobei nur Weinen verpönt ist. Fürs Lachen hat sich noch niemand geschämt. Wenn jemand bei einem Film weint und lacht, hat das doch damit zu tun, dass es gelingt, den Zuschauer in eine andere Welt zu entführen, so dass er mitfühlt.

Die Presse: Ab wann wird's kitschig?

Nicole Walter-Lingen:Ist der Autor einfühlsam, ehrlich mit seinen Figuren und verrät sie nicht, dann kann, meiner Meinung nach, überhaupt kein Kitsch entstehen.


Die Presse: Wie wichtig ist es, den Menschen im Fernsehen Träume anzubieten?

Nicole Walter-Lingen: Was wäre ein Leben ohne Träume? Träume sind auch dafür da, sich zu fordern und vielleicht doch zu erreichen, wovon man "träumt". Oder sie helfen in schwierigen Situationen, weil man aus der Realität ausbrechen und erahnen kann, dass es auch wieder besser wird. Ein schönes Zitat von George Bernard Shaw: "Ihr aber seht und sagt: Warum? Aber ich träume und sage: Warum nicht?"