DDer beste Mann von allen…

Aus dem Leben einer Frau

Illustration Baum Säge

DER ABGESÄGTE MANN, PARDON, ARM

Also, nur damit ihr es auch wisst. Nicht nur ich habe einen langjährigen Ehemann, es gibt noch einige andere Frauen, die so ein mittlerweile seltenes Exemplar an ihrer Seite haben.

Marie, zum Beispiel, ist seit fünfzig Jahren mit Paul verheiratet, und das hier ist eine kleine Geschichte aus der langen Zeit einer großen Liebe

Es war in der Zeit, in der Marie beschloss ihren wunderschönen Garten wieder einmal auf Vordermann (wie passend) zu bringen. Ihr Gatte war nicht anwesend, so griff sie – eine noch immer sehr attraktive Frau – zurück auf die starken Arme des Nachbarn. Nennen wir in Gustl. Gustl ist in etwa in Pauls Alter. Daraus entspann sich dann eines Tages beim Kaffeetrinken auf ihrer Terrasse dieser wundervolle Dialog.

Marie aus vollem Herzen: „Ich hab ja so ein Glück, dass der Gustl gleich nebenan wohnt…“

Sie winkt Gustl zu, der gerade in seinem Garten herumfuhrwerkt. Gustl winkt zurück.

Paul, trocken und Gustl ignorierend: „Das nächste ist, der Paul ist ja nie da wenn man ihn braucht.“

Marie nickt: „Bist du auch nicht.“

Paul grinst: „ Aber der Gustl…“

Nickt seinem Nachbarn zu. Sein Nachbar nickt zurück.

Marie: „Stimmt!“

Paul, grinst nicht mehr: „Typisch.“

Marie, erneut aus vollem Herzen und mit leicht schwärmerischem Blick: „Das letzte Mal, als ich Gustl gebeten habe, einen Ast abzusägen, war er sofort da…DU nicht!“

Paul grinst wieder und diesmal hat sein Grinsen etwas Schadenfrohes: „Ich hab gearbeitet und mir nicht gleich den Arm abgesägt wie dein Gustl…“

Er hebt in Gustls Richtung die Hand. Gustl hebt ebenfalls in Pauls Richtung die Hand.

Marie, gelassen: „Er ist nicht mein Gustl.“

Paul: „Wäre ja noch schöner… (schmunzelt) ungeschickter Trottel.“

Marie, empört: „Gustl ist kein Trottel… er hat sich sogar noch den Arm selbst abgebunden…“

Paul ironisch: „Was für ein Held!“

Marie, trumpft auf: „Ja, ist er. Er ist sogar so mit seinem Auto selbst in die Notaufnahme gefahren…“

Paul: „Hättest ihn ja fahren können… deinen Gustl!“

Marie: „Ist nicht mein Gustl. Er wollte mir die lange Wartezeit ersparen.“

Paul lacht laut auf: „Er wollte nur nicht, dass du dabei bist, wenn der Arzt sauer wird, weil er wegen einem kleinen Ritz in die Notaufnahme kommt. Verantwortungslos.“

Marie, empört: „Es war kein kleiner Ritz.“

Paul: „Klar und den abgesägten Arm hatte er auch gleich unterm Arm…“

Marie, sich in ihrer Ehre gekränkt fühlend, trumpft erneut auf: „Nicht unter dem kaputten unter dem anderen, aber eigentlich war er ja nicht ganz durch, aber angesägt war er schon…“

Paul: „Na also, jetzt kommen wir der Wahrheit schon näher.“

Marie: „Schlimm genug… angesägter Arm!“

Paul lacht.

Marie ist zunehmend gekränkt. Ich versuche zu vermitteln: „Schön, wenn ein Mann nach fünfzig Jahren noch so eifersüchtig ist.“ Ich wende mich an meinen Göttergatten, der sicherheitshalber kein Wort sagt. „Wirst du das auch sein, mein Schatz?“

Die Antwort meines Göttergatten ist weiterhin - Schweigen.

Paul dagegen beginnt um seine Männerehre zu reden: „Ich und eifersüchtig. Ich bin nicht eifersüchtig und schon gar nicht auf Gustl. Allein wie er ausschaut und was hat er schon geleistet. Nichts.“ Paul läuft rot an. Marie legt die Hand beruhigend auf seinen Arm: „Dein Blutdruck, tief durchatmen!“

Paul beruhigt sich, legt seine Hand auf Maries Hand, atmet tief durch. „Ich kann es nur nicht leiden, wenn Marie so maßlos übertreibt.“

Marie zieht die Hand weg, als sei Paul eine Tarantel, die gleich zusticht: „Ich übertreibe nicht!!!!“

Paul: „Dann muss das ein anderer Gustl sein, den du grade so anhimmelst. Mein Gustl…“

Marie: „Es ist nicht dein Gustl…“

Paul (ironisch): „Also dann unser aller Gustl… als er das letzte Mal bei uns Steine schleppen sollte, hat er nur die ganz leichten genommen und ich hab die schweren geschleppt…“, Paul macht eine lange dramatische Pause, holt tief Luft und presst mit der ganzen Inbrunst eines gekränkten Männerherzens heraus, „…obwohl ich einen Bandscheibenvorfall hatte!“

Marie: „So ein Theater wegen ein bisserl Rückenschmerzen, der Gustl…!“ Weiter kam sie nicht. Paul sprang auf und in gerade noch letzter Sekunde, konnten mein Göttergatte und ich ihn daran hindern, über die besagte Mauer zu klettern und Gustl, der gerade in seinem Garten herumfuhrwerkte, eine zu verpassen, die sich gewaschen hatte. Marie jedoch lächelte zufrieden vor sich hin und für den Bruchteil einer Sekunde beneidete ich sie und beschloss auch eine Frau zu werden, um die sich zwei Männer selbst im Alter von 73 Jahren noch prügelten. Unter uns, das ist mir nicht einmal mit 18 passiert, seufz!

Illustration: Frits Ahlefeldt