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Ein Blick in deine Augen - erscheint am 1.7.2020

Löwenzahn Pusteblumen

Ein Blick in deine Augen

Für Bobby

Geschichten werden wahr, sobald wir an sie glauben.


Als die Menschen ihr Lächeln verloren

Es war zu jener Zeit, als das Volk der Inkas im Land des Kondors und der sprechenden Berge lebte. Der Reichtum der Inkas war das Gold, auch die Perlen der Sonne genannt. Sonnengott Inti hatte es seinem Volk im fernen Peru geschenkt. Nicht, um sich etwas zu kaufen oder darum zu streiten oder gar dafür zu töten. Nein, in seinem Glanz sollte sich die Schönheit des Menschen widerspiegeln. Seine Klugheit, seine Fähigkeit zu Mitgefühl und Liebe und vor allem sein Lächeln. Dieses wunderschöne Lächeln war noch wertvoller als Gold. Es war das Lächeln, das Inti seinen Söhnen und Töchtern mitgab. Nicht, um über sein Volk auf Erden zu herrschen, sondern, um es zu besseren Menschen zu machen.

Doch was glitzert, bleibt nicht verborgen. So erreichte eines Tages die Kunde über das sagenhafte Goldland „Biru“ auch Europa, das zu jener Zeit bereits von einer zerstörerischen Krankheit befallen war, der Gier. Hat sie den Menschen einmal erfasst, ist er für immer verloren.

Es waren die Spanier, die „Biru“ nach langer Suche schließlich fanden. Vielleicht auch, weil Inti nicht damit zufrieden war, wie seine Söhne sein Reich verwalteten. Die Inkas waren nicht zu besseren Menschen geworden, sie fühlten sich als die besseren Menschen und machten andere Völker zu Untertanen. Das Volk Intis – des Vaters der Sonne, der Quelle des Lichts und der Wärme, des Beschützers der Menschen – war hochmütig geworden. Dennoch empfing es die Spanier mit Geschenken und natürlich mit einem Lächeln. Doch die Spanier raubten ihr Gold und brachten ihnen Krankheiten, die töteten. Das Schlimmste aber war, dass das Volk der Inkas sein Lächeln verlor.

Du, Bobby, der du lächeln kannst wie kein anderer, du, der du mit deinem Lächeln jedes Herz erreichst, weißt, was das heißt - ein Leben ohne Lächeln. Es ist ein einsames Leben. Ein Leben ohne Bedeutung, ein trauriges Leben und – vor allem - ein Leben ohne Liebe.

So kam der Tag, an dem Inti seinen Söhnen verzieh und dem Volk der Inkas Gnade zukommen ließ. Er machte ihnen etwas zum Geschenk, das viel wertvoller ist als Gold. Er gab ihnen ihr Lächeln zurück. Er schenkte ihnen das Alpaka. Ein Geschöpf Gottes und des ewigen Lächelns: Ein Blick in seine Augen, so heißt es, und man ist für immer an es verloren.

Und jetzt sind wir es, die unser Lächeln verloren haben, weil wir gebeutelt sind von Gier und nur noch an uns denken und nicht mehr an den anderen. Weil Zeit etwas ist, hinter dem wir ständig herlaufen, obwohl wir niemals in der Lage sind, sie einzuholen. Weil das Leben für uns kein Geschenk mehr, sondern selbstverständlich geworden ist.

Aber wir haben Glück, denn das Alpaka hat sich auf den weiten Weg von Südamerika nach Europa gemacht. Um uns zu heilen mit seinem Lächeln, das es uns jeden Tag schenkt, und auch, um uns daran zu erinnern, wer wir vielleicht noch nicht sind, aber wer wir sein können. Auf dem Archehof und wo immer wir dem Alpaka begegnen.

In ewigem Lächeln.

Deine Maria Popp, deine Frau Bank und vor allem deine Mary Poppins