KKurzgeschichte im Dezember

Was zählt in der stillen Zeit?

Kind Christbaum

DAS WEIHNACHTSWUNDER

Sie hatten die Stadt hinter sich gelassen. Diese Stadt, die trunken vom Weihnachtscocktail durch die Adventszeit getaumelt war.

Carole und Benedikt Wolff hatten ihre eigene Meinung zum Thema Weihnachten. Ein wenig Tannenbaum, ein wenig Lametta, Lichterketten über den Straßen, ein wenig Stille Nacht, Heilige Nacht und plötzlich wurde aus vernünftigen Menschen eine wilde Horde. Sie fielen in Kaufhäuser und Geschäfte ein und verschuldeten sich weit über das ihnen tariflich zugestandene Weihnachtsgeld hinaus, nur um sich bei den Geschenken auch dieses Jahr wieder gegenseitig auszustechen. Dem Kaufrausch folgte eine Gänsebraten-, Plätzchen- und Lebkuchenorgie, und nach den Feiertagen wälzte man sich mit einigen Pfunden mehr auf den Hüften erneut in die Geschäfte, um das umzutauschen was die lieben Verwandten einem angetan hatten.

Carola und Benedikt waren ein junges, dynamisches Ehepaar, das sich glatt und ohne Kanten in die moderne, leistungsorientierte Welt fügte. Sie waren sympathisch, und sie waren erfolgreich. Carola als PR-Frau und Benedikt als Anwalt. Träume passten ebenso wenig in ihren Alltag wie der Zauber des Heiligen Abends.

Seit Tagen schneite es; formvollendete Schneekristalle wirbelten im Scheinwerferlicht weiß gegen die Windschutzscheibe.

„Sind wir bald da?“ Die Stimme klang leise und schüchtern.

Carola drehte sich um und betrachtete den sechsjährigen Jungen, der sich auf dem Rücksitz ganz klein gemacht hatte. „Es dauert nicht mehr lange, Thommy“, antwortete sie lächelnd. „Das Hotel wird dir gefallen. Es gibt dort ein Schwimmbad, eine Sauna, und du lernst Skifahren, ist das nicht wunderbar?“

Thommy antwortete nicht. Er sah zum Fenster hinaus. Parallel zur Autobahn glitt ein Zug durch die Dunkelheit. Goldgelbe Lichtvierecke, die sich aneinanderreihten. Warm und anheimelnd.

„Gibt’s in dem Hotel auch einen Weihnachtsbaum?“

„Ich denke schon, Kitsch gibt’s überall“, antwortete Benedikt und konzentrierte sich wieder auf die Fahrbahn. Sie war geräumt, aber an einigen Stellen waren verhärtete Schneeflächen zurückgeblieben, und in den Reifenspuren glitzerte tückisches Eis.

„Weißt du Thommy, der Heilige Abend ist nur eine Erfindung der Menschen“, fuhr Carola fort. „Er hat keine Bedeutung mehr in der heutigen Zeit. Die meisten Leute streiten doch nur oder schenken sich Dinge, die sie nicht brauchen können. Wir dagegen machen einen phantastischen Skiurlaub. Ist das nicht viel schöner?“

Thommy schwieg noch immer. Er dachte an die Zeit, in der alles anders gewesen war. Er konnte sich noch gut an den Geruch von Bratäpfeln erinnern. Schon Tage vor dem Heiligen Abend hatte seine Mutter sie auf die Herdplatte gelegt. Und der Weihnachtsbaum hatte bis zur Decke gereicht.

„Thommy“, versuchte es Benedikt erneut, „es ist nur vernünftig, dass wir heute, am Weihnachtsabend, ins Hotel fahren. Da ist kaum Verkehr auf den Straßen.“

Thommy schwieg. Hastig wischte er mit dem Handrücken die Tränen fort. Er wollte nicht weinen. Große Jungen weinen nicht, das hatte sein Papa immer gesagt – Papa! Mama! Er presste die Nase an das Autofenster – die goldenen Lichtvierecke waren erloschen – und suchte in der Dunkelheit nach ihren Gesichtern, horchte, ob er ihre Stimme hörte. Doch da war nichts als Stille und das Motorengeräusch des Wagens. Er verstand noch immer nicht, was ihm die vielen Menschen erklärt hatten.

„Dein Papa und deine Mami sind im Himmel.“

„Und warum sind sie dort?“

„Sie sind mit dem Flugzeug abgestürzt.“

„Aber im Flugzeug fliegt man doch in den Himmel…“ Das wusste er ganz genau. „Wenn sie abgestürzt sind, müssen sie irgendwo auf der Erde sein. Ich muss sie nur suchen…“

Niemand hatte es ihm wirklich erklären können. Nichts war geblieben von der Wärme, Geborgenheit und Liebe, die sein Leben bisher bestimmt hatten. Er war so allein.

Sie erreichten die Autobahnausfahrt und tauchten in eine tief verschneite Landschaft ein. Schneewolken hingen bis auf die Baumwipfel herunter, und Benedikt drosselte das Tempo.

„Thommy, Skifahren wird dir ganz bestimmt gefallen“, versuchte Carola es erneut und warf Benedikt einen hilfesuchenden Blick zu, weil Thommy noch immer nicht antwortete.

Eines Tages hatten sie und Benedikt beschlossen, dass zu ihrem Glück ein Kind fehlte. Und da sie Entschlüsse gewöhnlich gleich in die Tat umsetzten, hatten sie sich schon am nächsten Tag um eine Adoption beworben. Ein Adoptivkind ersparte Carola die Schwangerschaft, die sie vermutlich auf ihrer Erfolgsleiter ein paar Stufen nach unten befördert hätte. Und mit einem etwas größeren Kind umgingen sie schlaflose Nächte, Windeln und Trotzphase. Reproduktion war ohnehin nicht so ihr Ding. Sie mussten sich nicht in einer anderen Person wiederfinden. Sie waren sich selbst genug.

Es hatte nicht lange gedauert und ihnen war die Pflegschaft für Thommy übertragen worden. Als Anwalt hatte Benedikt seine Beziehungen und ältere Kinder waren ohnehin schwer zu vermitteln. Somit hatte wieder einmal alles reibungslos und nach Plan funktioniert – bis auf Thommy. Was hatten sie nicht alles getan, um ihn aus seinem Schneckenhaus zu locken? Sie hatte ihn mit Geschenken überhäuft und ihn dennoch nicht erreicht. Im Gegenteil er zog sich immer weiter von ihnen zurück.

Dunkelheit, nur hin und wieder ein Aufleuchten, wenn die Scheinwerfer über die Schneedecke glitten. Wind kam auf, schleuderte den Schnee von den Bäumen und brach sich wimmernd an den glatten Flächen des BMW.

„Was ist los?“ Der Wagen war langsamer geworden, und Carola fuhr aus der Monotonie ihrer Gedanken auf.

„Ich weiß nicht“, antwortete Benedikt. „Irgendetwas stimmt nicht mit dem Wagen. Er wird immer langsamer!“ Der Motor stotterte und starb schließlich ganz ab. Vorsichtig ließ Benedikt den Wagen an den Straßenrand rollen. Nach ein paar vergeblichen Versuchen, von Neuem zu starten, sagte er resigniert: „Eine Panne.“

„Und was machen wir jetzt?“

„Jetzt machen wir uns auf die Suche nach einem Telefon“, antwortete Benedikt, da die Handys schon länger ohne Netz waren, „rufen die nächste Werkstatt an und nehmen uns, wenn nötig, einen Mietwagen, um ins Hotel zu kommen.“

Irgendwo brach ein Zweig sonst kristallene Stille. Atem wie Rauchzeichen, die niemand lesen wollte. Nur Wald, Schnee, Kälte und Dunkelheit. Noch immer kein Netz. Thommy sprach kein Wort. Tapfer versuchte er Schritt zu halten.

Das Licht kam plötzlich und unerwartet. Es blitzte auf, verschwand und blitzte wieder auf. Dann breitete es sich aus wie ein Teppich auf dem Gäste willkommen geheißen wurden. Es gehörte zu einem Bauernhaus, so einladend zwischen schneeschweren Tannen.

„Na endlich“, sagte Benedikt zufrieden. „Nur noch ein Telefon, dann sind wir bald im Hotel!“ Er klopfte sich den Schnee vom Mantel und betätigte den Türklopfer.

Schritte wurden laut und ein Mann öffnete. Er trug Lederhosen und hatte, was Thommy begeisterte, einen Bart, der bis zum Kragen seines Trachtenhemdes reichte. Die Tür zur Bauernstube war einen spaltbreit offen und weihnachtliche Zithermusik begleitete sein freundliches „Grüß Gott.“

Mit knappen Worten schilderte Benedikt, was passiert war. „Wir brauchen nur ein Telefon und eine Werkstatt, sonst nichts.“

„Kommen S´ erst amal rein. Am Heiligen Abend sollte niemand in der Kälte stehen.“ Sein Blick blieb an Thommy haften. „Und für dich hat das Christkind bei uns bestimmt auch etwas abgegeben.“

„Wirklich?“ Thommys Stimme klang unsicher. Bisher war er überzeugt gewesen, dass das Christkind ihn diesmal vergessen, ihn wie seine Eltern allein gelassen hatte.

„Thommy weiß, dass es kein Christkind und keinen Weihnachtsmann gibt“, widersprach Carola kühl. „Wir brauchen nur ein Telefon…“

„Ja, glauben S´denn wirklich, dass am Heiligen Abend jemand Ihr Auto repariert?“ Der Bauer sah sie ungläubig an. „Jetzt wärmen Sie sich erst einmal auf. „Ich bin übrigens der Hannes.“

Die Stube war warm und anheimelnd. Thommy entspannte sich ein wenig. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich geborgen. Der Kachelofen war der Mittelpunkt des Raumes und sah aus wie ein umgestürzter Guglhupf. Eine Katze lag satt und schläfrig auf der Ofenbank in trauter Zweisamkeit mit einem Cockerspaniel, den ein kleiner Junge kraulte. Die Großmutter hatte ein Baby auf dem Schoß, und ein etwa zehnjähriges Mädchen spielte Zither. Der Großvater stopfte seine Pfeife, und dann machte auch er Carola und Benedikt klar, dass weit und breit kein Mechaniker bereit sein würde, den Wagen am Weihnachtsabend zu reparieren.

„Und wenn ich ihm das Doppelte biete?“

„Man kann nicht alles mit Geld kaufen“, sagte der Großvater schroff. Therese, die Bäuerin, warf ihm einen strafenden Blick zu.

„Feiern Sie doch den Heiligen Abend mit uns, wir täten uns freuen“, sagte sie warm. „Und übernachten können Sie auch hier.“

Das Leben dieser Bauern war einfach, und es lagen beileibe nicht viele Geschenke unter dem geschmückten Weihnachtsbaum. Doch das war nicht weiter schlimm, denn stattdessen spiegelte sich der Schein der Kerzen in den Kinderaugen. Für jedes Kind war ein Teller mit Nüssen, Orangen, Lebkuchen und Plätzchen bereitgestellt worden, und die Bäuerin holte jetzt auch einen für Thommy. Dann wurde es Zeit für die Weihnachtsgeschichte. Sie zu erzählen, war das Vorrecht des Großvaters.

Benedikt und Carola sahen sich an. Da hatten sie vor dem Weihnachtsabend die Flucht ergreifen wollen und wurden jetzt hineingezogen in die klebrige Zuckerwattenatmosphäre dieser Bauernstube, in der so gar nichts vom Konsumdenken und der Hektik zu spüren war, die sie mit Weihnachten verbanden. Stattdessen breitete sich in ihnen etwas aus, das sie nur mit einem Wort beschreiben konnten: Friede. Ihr Blick fiel auf Thommy. Seine Augen glänzten wie Christbaumkugeln, und selig lächelnd betrachtete er die bunten Krippenfiguren, über denen sich ein Dach aus Moos und Borke wölbte. Weihnachten, das war in diesem Bauernhaus der Duft von Mandarinen, Bienenwachs, Tannennadeln und Gänsebraten. Das waren Lieder wie „Leise reiselt der Schnee“, „O Tannenbaum“, „Stille Nacht, Heilige Nacht.“ Weihnachten waren die Geschichten vor dem Kachelofen und die Pferde, die wenig später vor den Schlitten gespannt wurden, um die Familie und ihre Gäste zur Christmette zu bringen. Es war kalt draußen und frostig. Schnell holte der Bauer ein paar Decken und selbstgebrannten Schnaps für die Erwachsenen. Dann ging es los durch den Winterwald.

Carola wusste nicht, woran es lag. Am gleichmäßigen Traben der Pferde, am Schnaps, der ihr noch in der Kehle brannte, an der rauen nach Stall riechenden Decke oder an der erleuchteten Kirche, die jetzt so zauberhaft auf einer Anhöhe auftauchte. Sie war auf einmal ganz ruhig und sie war – glücklich. Vorsichtig tastete sie nach Thommys Hand, doch er zuckte zurück.

Es war lange nach Mitternacht, als sie endlich in die weichen Betten fielen. Carola schloss die Augen, Traum und Wirklichkeit wurden eins, und sie wurde wieder zu dem kleinen Mädchen, das atemlos vor dem Weihnachtsbaum stand. Wie lange war das her? Ein halbes Leben? Nein, nur wenige Stunden. Lächelnd schlief sie ein.

Als sie erwachte fiel schon bleiches Licht durch die beschlagenen Scheiben. Einen Augenblick wusste sie nicht, wo sie war. Kein Verkehrslärm sondern Stille, Eiseskälte, große Leinenlaken und der Geruch von Weihrauch, der sich in Kleidern und Haaren eingenistet hatte. Weihrauch. Jetzt erinnerte sie sich. Irgendetwas war geschehen am vergangenen Abend, und es hatte sie verändert. Ihr Blick fiel auf Benedikt. Er schlief noch. Und Thommy? Was war mit Thommy? Sein Bett war leer. Carola stand auf, schlüpfte in den Morgenmantel, den ihr die Bäuerin bereitgelegt hatte und schlich auf Zehenspitzen die Treppe hinunter. Noch war es still, und sie wollte niemanden wecken. In der Stube allerdings schien schon jemand eingeheizt zu haben. Sie hörte das Holz im Kachelofen knistern, und es roch so gemütlich. Sie wollte gerade eintreten, als sie Thommy sagen hörte: „Es ist so schön hier, Theresa, darf ich bei euch bleiben?“

„Aber Thommy, da werden deine Mami und dein Papi traurig sein.“

„Meine Mami und mein Papi sind im Himmel, da wo das Christkind ist.“ Sehnsucht und ein leichtes Zittern lagen in Thommys Stimme. Obwohl Carola ihn nicht sehen konnte, spürte sie wie er gegen die Tränen ankämpfte. „Weißt du, früher war es bei uns auch so schön wie bei euch. Vor allem an Weihnachten.“

„Und jetzt ist es nicht mehr schön?“

„Nein, die Leute“ – Carola zuckte zusammen: die Leute, das waren sie und Benedikt – „die Leute, die mich adoptieren wollen, feiern nicht, die können das nicht. Dauernd schenken sie mir Spielsachen. Aber ich bin immer allein und kann gar nicht mit so vielen Sachen spielen. Bitte Theresa, ich möchte bei euch bleiben. Darf ich?“

Carola hörte nicht mehr, was die Bäuerin antwortete. Ihre Kehle war auf einmal eng geworden. Sie hatte versagt. Sie, die immer so erfolgreich gewesen war, hatte geglaubt, man könne Liebe ebenso kaufen wie diesen kleinen Jungen, der jetzt eine ihm beinahe Fremde anflehte, bei ihr bleiben zu dürfen. Und in diesem Augenblick begriff Carola, dass sie ihr Leben falsch gelebt hatte. Beinahe schüchtern betrat sie die Stube. Theresa blickte auf, eine einfache Frau, mit schlichten braunen Haaren. Ihre Augen waren jedoch wie das Feuer im Kachelofen. Warm, knisternd und lebendig.

Carola setzte sich an den Tisch und sah Thommy an. „Ich habe gehört was du gesagt hast, Thommy. Und ich möchte dich um Verzeihung bitten. Benedikt und ich haben viel falsch gemacht, bitte gib uns noch eine Chance…“ Thommy reagierte nicht.

„Wie wäre es, wenn Sie Ihren Urlaub bei uns verbringen?“ schlug Theresa vor. „Thommy könnte zur Wildfütterung mitfahren, helfen das Vieh zu versorgen, schlittenfahren, wissen Sie“, - ihr Blick verriet, dass sie Carola durchschaut hatte, - „kein Luxushotel und keine noch so großartigen Spielsachen haben jemals aus Kindern wertvolle Menschen gemacht. Kinder brauchen Zeit, Liebe, Verständnis, Wärme und ein Weihnachtsfest wie dieses.“

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren stand Carola auf, ging zum Telefon und bestellte die Zimmer im Hotel ab. Sie wusste auch so, wenn sie es Benedikt erklärte, er würde einverstanden sein. Sie legte auf und dann spürte sie etwas, das so wundervoll war wie sie es nie erwartet hätte – sie spürte zum ersten Mal Thommys kleine Hand in der ihren…