KKurzgeschichte im Januar

Kurzkrimi - Nach Jahren einer trostlosen Ehe mit Georg, der ihr Leben zerstörte, findet Käthe endlich eine Möglichkeit, ihm heimzuzahlen, was er ihr angetan hat.

Kellertreppe

WIE DU MIR...

Die Gartentür quietschte. Mit einem Seufzer legte Käthe die Illustrierte aus der Hand. Georg kam nach Hause, und mit ihrer Ruhe war es vorbei. Wie gewöhnlich würde er nörgeln und quengeln wie ein ungezogenes Kind und sie auf Trab halten.

"Mir tut der Rücken weh, bring mir ein Kissen! Mein Bier ist alle, hol mir ein paar Flaschen aus dem Keller." "Hast du den Wagen zum Kundendienst angemeldet? Nein? Und warum nicht?"

Es gab unzählige Variationen. An allem hatte er etwas auszusetzen: Wie sie den Tisch deckte, was sie kochte, wie sie selbst ging, stand, saß, redete. Was sie auch tat - nichts tat sie richtig.

Seine schweren Schritte stapften durch die Diele. Jetzt - sie kannte seine Gewohnheiten bis ins Kleinste - ließ er die Aktenmappe fallen und warf seine Lederjacke auf den Boden. Käthe war ja da und konnte beides aufheben.

Die Tür ging auf. Käthe schlug das Herz bis zum Hals.

"Essen fertig?"

Betont langsam stand Käthe von der Wohnzimmercouch auf und humpelte in die Küche. Wortlos. Kam wieder. Stellte das Essen auf den bereits gedeckten Tisch. Wortlos. Setzte sich Georg gegenüber. Die Luft im Raum war wie elektrisch geladen vom Überdruss dieser Ehe, in der sich zwei Menschen nur mit Mühe ertrugen.

Ich versteh's nicht, dachte Käthe wie schon so oft und forschte verstohlen in Georgs Zügen, die ihr so fremd geworden waren. Wir haben uns doch einmal wirklich geliebt. Waren so glücklich, als wir uns dieses alte winkelige Haus kaufen konnten mit den Erkerzimmern, den romantischen Giebeln und der abenteuerlich steilen Kellertreppe, die tief hinunterführt in ein kühles Gewölbe.

Die Kellertreppe...

"Du, Georg", begann Käthe zaghaft, "könntest du dich nicht heut Abend mal aufraffen und endlich die Kellertreppe reparieren? Die kaputte Stufe wackelt immer mehr."

"Heute geht's nicht", antwortete Georg unwirsch.

"Das sagst du jetzt schon seit Monaten. Warum geht es denn heute wieder nicht?"

"Weil ich keine Lust habe, darum", sagte Georg mit boshaft funkelnden Augen und stieß gleichzeitig den Teller von sich. "Sag mal, hast du das Kochen verlernt? Das Zeug schmeckt ja wie Stroh ..." Er griff nach der Bierflasche und trank sie auf einen Zug leer, packte dann die Zeitung, stapfte ins Wohnzimmer, schaltete den Fernseher ein.

Kaum zwei Minuten später kam er zurück, Hosenbund offen, Hosenträger herunterhängend. "Kein Bier mehr da. Hol mir ein paar Flaschen aus dem Keller. Aber dalli! Wenn ich nach Hause komme hab ich wohl das Recht auf ein bisschen Gemütlichkeit. Du liegst den ganzen Tag auf der faulen Haut. Andere Frauen ..." Käthe presste die Lippen zusammen. Andere Frauen arbeiteten mit, o ja. Andere Frauen machten dies, taten das. Aber andere Frauen waren auch nicht von ihrem betrunkenen Ehemann zum Krüppel gefahren worden. Noch heute, nach drei Jahren, litt sie unter quälenden Schmerzen. Ihr linkes Bein war steif geblieben. Aber erwähnen durfte sie das nie. Nur wenn Georg betrunken war, bettelte er winselnd um Verzeihung.

Mühsam stand Käthe auf, stieg die steile Treppe mit der lockeren dritten Stufe hinunter. Wenn sie mit dem Korb voller Bierflaschen zurückkam, hatte sie oft Angst, die schadhafte dritte Stufe von oben könnte herausbrechen und sie selbst in die Tiefe stürzen.

An diesem Abend, an dem sie besonders müde war, passierte es beinahe. Zum Glück war es aber nur der Korb mit den Flaschen, der hinunterpolterte. Mit lautem Getöse zersplitterten die Flaschen auf dem Fliesenboden. Käthe selbst konnte sich im letzten Moment am Geländer festhalten.

Dann tauchte Georg in der Türöffnung über ihr auf. Als er Käthe ohne Korb am Treppengeländer hängen sah, verzog er das Gesicht zu einem boshaften Grinsen. "Bist jetzt nicht mal mehr im Stande, deinem Mann sein wohlverdientes Bier zu bringen, Hinkebein?"

Nachdem Georg am nächsten Morgen ins Büro gefahren war, machte Käthe sich an die Arbeit, fest entschlossen, die kaputte Stufe selbst zu reparieren. Georg würde es nie tun. Für ihn war die wackelige Stufe nur eine weitere Möglichkeit, sie zu peinigen. Immer wieder würde er sie in den Keller schicken, oben hocken wie eine bösartige Spinne und sich an ihrer Angst weiden.

Als der Anruf kam, wollte Dr. Clemens Weber, Allgemeinarzt, nach der Nachmittagssprechstunde eben die Praxis schließen. Trotzdem nahm er ab. Zuerst verstand er gar nicht, was die Frau am anderen Ende der Leitung wollte. So aufgeregt sprach sie, so tränenerstickt klang ihre Stimme.

"Mein Mann ... Mein Mann ..." stammelte sie immer wieder.

Erst nach ein paar Minuten bekam er heraus, dass es seine Patientin Käthe Gellert war, die da anrief.

"Mein Mann ..." jammerte sie wieder. "Er ist die Kellertreppe hinuntergestürzt - und - und - er liegt da unten und rührt sich nicht mehr. Bitte, Herr Doktor, kommen Sie - kommen Sie schnell!"

Dr. Weber kam sehr schnell. Helfen konnte er nicht mehr. Georg Gellert war tot.

"Ich", sagte Käthe weinend, "habe ihn so oft gebeten, die kaputte Stufe zu reparieren. Er hat es immer wieder hinausgeschoben. Ein Bier wollte er sich holen - nur ein Bier. Und jetzt ist er tot. Sonst hab ich das Bier ja heraufgeholt, aber heute hat mir mein Bein wieder solche Schwierigkeiten gemacht, da ist er selber gegangen. Ich hab ihn noch gewarnt, aber er hat mich ausgelacht ... Was soll mir denn passieren? hat er gesagt."

Dass er noch gesagt hatte: "Bin ja kein Krüppel wie du", das verschwieg Käthe.

Dr. Weber ging, nachdem er den Totenschein ausgestellt und der Leichenwagen den Toten abtransportiert hatte.

Niemand sah, wie tief zufrieden Käthe vor sich hinlächelte, als sie endlich allein war. Und niemand würde jemals erfahren, dass sie am Vormittag die dritte Stufe zwar repariert, die vierte aber gelockert hatte. Und dann war geschehen, was sie erhofft hatte. Georg war gestürzt. Mit einem Schrei gestürzt, der ihr durch Mark und Bein gegangen war. Doch hatte sie ein schlechtes Gewissen? Vielleicht ein bisschen. Aber damit würde sie leben müssen. Genauso leben müssen wie mit ihrer schweren Behinderung, an der Georg Schuld hatte.

Und außerdem - nicht eine Sekunde lang hatte sie gedacht, dass er sich bei einem Ausrutscher auf der Treppe gleich den Hals brechen würde.

Käthe stand von der Couch auf, humpelte zur Kellertür, machte Licht. Starrte hinunter, sah plötzlich Georg dort liegen wie er gelegen hatte, ehe sie ihn weggebracht hatten. Auf einmal begann sich alles um sie zu drehen. Ihr wurde schwindlig, sie taumelte, stürzte ... Und dann lag auch sie da, die Augen starr, weit aufgerissen, mit einem immer größer werdenden Blutsee um den Kopf..